21.10.10

Made in Germany: Rohstoff-Engpässe

Immer mehr Elektrospielzeug. Immer mehr Produkte von ungeheurem Nutzen – wie konnte die Menschheit nur Jahrtausende lang darbend ohne sie überleben? Immer mehr geniale Innovationen, immer kürzere Produktzyklen, immer Neues. Neues! Neues. Gigatonne um Gigatonne. Dazu: Der bewusste Verzicht auf »Überqualität« und überlange Lebensdauer, die uns ja doch nur den Spaß am nächsten Neukauf verderben würden.

Bittschön, keine Frage nach dem Sinn des rasanten Träumlein-wechsel-Dich-Spiels, in dem das Musst-Du-Haben-Produkt von heute zugleich der Elektroschott von morgen ist, weil dann das brandneue, selbstredend revolutionär andere Musst-Du-Haben-Produkt gekauft werden will.

Gute Frage: Welcher menschenfreundliche Konzern schließt eigentlich eeeendlich die klaffende Lücke zwischen Smartphone und Tablet-Computer? Immerhin wären Situationen konstruierbar, in dem Ersteres zu klein, Letzterer aber zu groß ist!

Und die Software-Produktion würde auch angekurbelt: Denn die App für das Smartphone läuft natürlich nicht auf dem Tablet-Rechner. Geschweige denn auf dem neuen Gerät, das größenmäßig zwischen ihnen beheimatet sein wird – nennen wir es erstmal Smartlet.

Bei dessen Programmen werden die beiden anderen Geräte nur Bahnhof! verstehen. All die schöne Zubehör-Hardware wäre natürlich auch nur in den seltensten Fällen austauschbar. Kurzum, Konsummöglichkeiten ohne Ende – zumindest für die kaufkräftige Minderheit auf diesem Planeten.

Ich muss den Spaßverderber spielen: Vielleicht schließt niemand diese Lücke. Denn nun ist das eingetreten, wovor nicht nur der Unternehmerverband BDI (im satten Imperialisten-Sound!) seit Jahren warnt – die Rohstoffe für den eKram werden knapp. Engpass ist kein Wort mehr aus fernen Zukunftsszenarien: »Deutschen Firmen gehen Hightech-Metalle aus«, titelt SPIEGEL ONLINE. Konkret heißt das:

Erste Firmen in Deutschland bekommen keine Metalle für die Hochtechnologie mehr geliefert, die sogenannten Seltenen Erden sind ihnen ausgegangen. Die Betriebe werden ihre Produktion vermutlich einschränken müssen. ... »Wir stehen am Beginn einer Versorgungskrise«, sagt der Geologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Die Seltenen Erden sind unverzichtbar für viele Produkte, darunter Computer, Handys, Autos, Rüstungsgüter...

Wer ist schuld am Mangel: Ein irrationales Wirtschaftssystem, in dem fünf Mal so oft kassiert wird, wenn das Smartphone spätestens nach zwei statt nach zehn Jahren ersetzt wird durch ein, hüstel, noch besseres und schöneres und nützlicheres Modell? (Dass die Jagd nach dem Rohstoff Coltan blutige Kriege anheizt, ignorieren wir locker. Es verrecken ja keine Deutschen oder auch nur Europäer.)

Oder wird, wie so oft, der Konsument in Haftung genommen? Nein, nicht mal er. Schuld ist – Paukenschlag! – der Chinese. Weiß SPIEGEL ONLINE.

Der aufstrebende Asiate will auch auftrumpfen auf dem Weltmarkt. Und rückt seine Rohstoffe nicht mehr raus. Weil er sie selber braucht. Unser Wirtschaftsminister Brüdele, der als ausdauerstarker Weinverzehrer und ebensolcher Weinköniginnen-Knutscher gilt, vergisst daher diese seine Kernkompetenzen. Und verkündet:

Für die Zukunft des Hochtechnologiestandorts Deutschland ist die Versorgung mit bezahlbaren Industrierohstoffen von entscheidender Bedeutung.

So (und zwar: fast wörtlich so) hatte der BDI das vorformuliert. Vor drei Jahren. Und damit ein Jahr, nachdem ich spottete:

Noch schneller als ich und der BDI war jedoch die deutsche Miltärbürokratie: Zu den Aufgaben der Bundeswehr, war bereits 1992 in den »Verteidigungspolitischen Richtlinen« nachzulesen, gehört auch »die Aufrechterhaltung ... des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt«. Helm auf zum Gefecht!